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Filmkritik
„Es ist ein Konklave, kein Krieg!“, mahnt Kardinal Thomas Lawrence (Ralph Fiennes) seinen Freund und Kollegen Aldo Bellini (Stanley Tucci). Der widerspricht hart: „Es ist ein Krieg! Und Du musst dich entscheiden, wo Du stehst!“ Womit Bellini zweifellos näher an der faktischen Realität der (fiktiven) Papst-Ernennung liegt, von der dieser Thriller erzählt. Es ist ein Kampf zwischen (erz-)konservativen und progressiven kirchlichen Kräften, der hier entbrennt, eine Fehde um Macht und Einfluss, geführt mit teils höchst fragwürdigen Mitteln: Der Vatikan als Intrigantenstadl. Wobei die Fronten keineswegs immer klar definiert sind. Deren Extreme aber lassen sich verorten: an Kardinal Tedesco (Sergio Castellitto) einerseits, der sich die tridentinische, auf Latein gehaltene Messe zurückwünscht und die katholische Kirche in einem Religionskrieg mit dem Islam wähnt. Und an Kardinal Benitez (Carlos Diehz) auf der anderen Seite, der als sanfter Apologet einer „Kirche der Armen“ davon spricht, dass der wahre Kampf in jedem Einzelnen stattfindet.
Schillernde, grandios gespielte Figuren
Lawrence, der das Konklave nach dem plötzlichen Tod des bisherigen Papstes leitet, gehört zur liberalen Fraktion. Zugunsten strategischer Absprachen aber wirft er seine Überzeugungen schon mal über den Haufen. Er ist eine zerrissene, nicht unbedingt am Glauben, aber dem eigenen „Jobprofil“ (ver-)zweifelnde Figur. Ein Kirchenmann, der vom Papst zum „Verwalter“ bestimmt wurde, obwohl er sich selbst eher als „Hirte“ sieht. Ralph Fiennes spielt diese Rolle mit Feinnervigkeit, bestechender Präzision und gekonnt eingesetzter Zurückhaltung: Es gibt wenige Schauspieler, die mit einem angedeuteten Lächeln derart viele Facetten aufschimmern lassen können – Trauer, Mitleid, Reue, Selbstzweifel.
Die schillernden, grandios dargestellten Figuren sind ein großes Pfund dieses hochkarätigen Kirchenthrillers nach dem gleichnamigen Roman von Robert Harris. Neben John Lithgow als geltungssüchtigem Kardinal Tremblay, Stanley Tucci als strategisch denkendem Bellini, Sergio Castellitto als Tedesco, (Carlos Diehz) als Benitez und Lucian Msamati als Kardinal Adeyemi hat auch Isabella Rossellini einige nachhaltige Auftritte als zwischen Gehorsam und Selbstbewusstsein changierende Schwester Agnes.
Denn ohne Frauen geht es selbst in der Männerbastion der katholischen Kirche nicht. Wer sonst sollte schließlich für die über 100 Kardinäle kochen, die Tische decken und die Betten im Gästehaus Santa Marta beziehen? Regisseur Edward Berger setzt die die Hausarbeit verrichtenden Nonnen immer wieder kommentarlos in Szene und damit eines der vielen beim Machtkampf ums Pontifikat mitschwingenden Themen. Diese sind neben der Rolle von Frauen in der Kirche, dem interreligiösen Dialog oder die Homosexualität der Umgang mit den unzähligen Verfehlungen in den eigenen Reihen, etwa dem Missbrauchsskandal, und andere Fragen der kirchlichen Positionierung in der Welt. „Konklave“ befindet sich damit auf der Höhe des innerkirchlichen Diskurses, ohne trocken oder verkopft zu wirken. Ganz im Gegenteil: „Konklave“ ist ein enorm spannender und unterhaltsamer Film, der seine Thrillerhandlung geschickt mit aktuellen Debatten zu verknüpfen weiß und dabei gelegentlich sogar ziemlich witzig ist.
Die Lust an der Inszenierung
Drehbuchautor Peter Straughan hat die Romanvorlage zu einem wirkungsvollen, gut strukturierten Szenario mit hoher Spannungskurve verdichtet, das Edward Berger meisterhaft in Szene setzt. Geschickt balanciert die Inszenierung zwischen sich steigernder Beklemmung und Anspannung sowie gelegentlichen Momenten der Leichtigkeit. Getragen wird dies durch ein souveränes Ineinander von Kamera, Musik- und Tonspur. Während der Sound mit einer präzisen Geräuschkulisse vor allem eine große Nähe zur zentralen Figur des Konklave-Managers Lawrence herstellt, ist die Musik von fiebrig abgehackten, Stress und Unruhe evozierenden Streicherklängen geprägt.
Die abwechslungsreiche Bildgebung von Stéphane Fontaine fängt die nervöse Atmosphäre, aber auch die Pracht kirchlicher Schauwerte ein: das prunkvolle und zugleich klaustrophobische Innere der Sixtinischen Kapelle, in die sich die von der Außenwelt isolierten Kardinäle zur Wahl zurückziehen; die breiten Marmortreppen, die langen perspektivische Fluchten, die Deckenfresken, edlen Gewänder, Kappen und Bischofsmützen, die altmodischen, ritualisierten Handlungen. Viele Bilder prägen sich dem Gedächtnis ein. Etwa das elegant-düstere Tableau eines konspirativen Treffens der liberalen Fraktion. Lawrences gemessener Gang zur Urne, mit pathetisch erhobenem Wahlschein. Oder die Draufschau auf Dutzende Kardinäle, die unter weißen Regenschirmen einen Platz überqueren. In diesen Aufnahmen trifft sich die kirchliche Lust an Inszenierung mit der filmischen und kreiert Bilder für die Ewigkeit. Auch wenn nicht an Originalschauplätzen, sondern überwiegend in den Cinecittà-Studios bei Rom gedreht wurde.
Die Vielfalt der Sprachen
Auch die dezente Symbolik des Films überzeugt, dessen Fülle sich wegen der vielen Sprachen nur in der englischen Originalfassung erschließt. Der eingesperrte Vogel im Büro von Schwester Agnes. Das zerborstene Fenster, durch das ein frischer Wind in die Sixtinische Kapelle weht. Oder die eingestaubten Kirchenmänner mit ihren zerschrammten Gesichtern, die sich schließlich auf einen Favoriten einigen – ganz im Sinne einer „zerbeulten Kirche“, wie sie der aktuelle Papst Franziskus eingefordert hat. Der kritisierte das kirchliche „Klammern“ an „Sicherheiten“. Das Gleiche fordert hier Kardinal Lawrence. Die größte Sünde, sagt Lawrence, sei die der Gewissheit. Mit ihr gebe es kein Mysterium – und damit keinen Grund, zu glauben.
Doch natürlich geht es in diesem Vatikan-Thriller nicht wirklich um Glaubens- und auch nicht um kirchenpolitische Fragen, sondern um Gier und Machthunger, Kleinlichkeit und Konkurrenz. Also um zutiefst menschliche Abgründe. Vor allem anderen aber geht es darum, eine spannende, bildgewaltige Kinogeschichte zu erzählen. Das ist Berger zweifellos gelungen.